Ulrich Müller
Aelian, Tempe
Tempe
Tempe heißt ein schluchtartiges Tal in Thessalien, wo der Peneus sein Flussbett zwischen den Bergen Ossa und Olymp in den Felsen gegraben hat. Das einst berühmte, sagenumwobene Tal bezaubert durch seine einzigartige Natur, die von Wanderern und Reisenden als Wohltat gepriesen wird. Tempe erfüllt alle Kriterien eines locus amoenus, eines lieblichen Ortes, dem Aelian dichterische Gestalt verliehen hat. Zu den Topoi eines locus amoenus, von verschiedenen antiken Autoren behandelt, zählen Wiesen und Rasenpolster, schattenspendende Bäume und Sträucher, murmelnde Quellen, Bäche und Flüsse, Vogelgesang und säuselnder Wind.1 Das literarisch vermittelte Wissen über das Tempetal bildete bis weit ins 19. Jahrhundert hinein die Folie zur Wahrnehmung und Beschreibung kunstgerecht gestalteter Natur im Landschaftsgarten. Beispiele dafür sind die Gärten von Ermenonville, Hagley, The Leasowes, Rousham, Stourhead, Stowe, Strawberry Hill, Weimar, Wilhelmsthal u. a. m.2
Obwohl die evokative Kraft Aelians außer Frage steht, gewinnt sein Text einmal mehr, wenn man ihn mit bildlichen Darstellungen flankiert. Bilder haben selbstredend eigene Qualitäten, was Aelian nicht bestritten hätte, im Gegenteil. Gleich zu Anfang macht er deutlich, dass er mit seinen Ausführungen über das Tempetal in einen Wettstreit mit den bildenden Künstlern tritt, da er mit Worten zeichnet und kraftvolle Bilder zu entwerfen weiß.
„Das Tempetal in Thessalien
Wohlan, jetzt möchte ich auch das Tempetal in Thessalien mit Worten zeichnen und bildhaft darstellen. Denn zweifellos ist auch das Wort, wenn es Ausdruckskraft besitzt, nicht weniger als ein geschickter bildender Künstler dazu imstande, alles beliebige vor Augen zu führen.
Das Tempetal ist das Gebiet, das zwischen dem Olymp und dem Ossa liegt. Das sind zwei sehr hohe Gebirge, die wie durch göttliches Wirken voneinander getrennt wurden. Dazwischen befindet sich ein Raum, der sich in der Länge über 40 Stadien (etwa 7,4 km) erstreckt, in der Breite an manchen Stellen ein Plethron (etwa 30 m) mißt, an anderen auch ein wenig mehr. Mitten durch das Tal fließt der Peneios, in den die übrigen Flüsse zusammenströmen. Sie vereinen ihr Wasser mit dem Peneios und machen ihn zu einem großen Strom.
Allerlei lauschige Plätzchen, ganz verschieden in ihrer Art, bietet diese Gegend. Sie sind nicht von Menschenhand geschaffen, sondern allein das Werk der Natur, die einst, als dieses Gebiet entstand, ihren ganzen Ehrgeiz auf seine Schönheit verwandte. Üppig und dicht gedeiht hier der Efeu und grünt und rankt, den edlen Reben gleich, an den Bäumen empor und ist mit ihnen verwachsen. Zahlreiche Stechwinden ziehen sich bis unmittelbar an die Kuppe des Berges hinauf und bedecken den Felsen, der zwar darunter verborgen ist, doch überall sieht man nur Grün. Es ist eine wahre Augenweide.
In der Ebene selbst, im Tale, sind allerlei Wäldchen und überall geschützte Stellen, wo in der Hitze des Sommers Wanderer Zuflucht und angenehmen Aufenthalt finden, der ihnen willkommene Erfrischung bietet. Es fließen auch viele Quellen durch das Tal, und zu lieblichem kühlem Trunke strömt das Wasser herbei. Man sagt, es sei gut und der Gesundheit dienlich, in diesem Wasser zu baden.
Auch Vögel - es sind vor allem Singvögel - lassen, bald hier und bald da, ihr Lied ertönen und erfreuen angenehm das Ohr. Mühelos und mit Freude geben sie den vorüberziehenden Wanderern das Geleit und lassen sie durch ihren Gesang die Müdigkeit vergessen. Solche angenehmen Rast- und Ruheplätze aber, wie ich sie eben beschrieben habe, gibt es zu beiden Seiten des Flusses.
In der Mitte des Tempetales nimmt der Peneios seinen Lauf, ruhig und sanft dahingleitend wie Öl. Dichter Schatten liegt über dem Fluß, den die an seinen Ufern wachsenden Bäume mit ihren herabhängenden Zweigen spenden und so für den größten Teil des Tages die vorrückenden Strahlen der Sonne abhalten und den Schiffern ermöglichen, im Kühlen zu fahren. Alle Gemeinden, die ringsum wohnen, besuchen sich gegenseitig, um dann zu opfern und gemeinsam zu essen und zu trinken. Und da es viele Gemeinden sind, die ihre Opfer darbringen und ständig Brandopfer verbrennen, ist es verständlich, daß den Wanderer und Schiffer die lieblichsten Düfte begleiten. So macht die ständige Verehrung des Göttlichen den Ort heilig.
Hier hat, sagen die Thessalier, auch der pythische Apollon auf Befehl des Zeus Buße getan, nachdem er mit seinem Bogen den Drachen Python getötet hatte, der damals, als Ge die Herrin des Orakels war, noch Delphi bewachte. Er bekränzte sich mit diesem Lorbeer aus dem Tempetal, nahm einen Zweig vom selben Lorbeer in die Rechte, und so zog der Sohn des Zeus und der Leto nach Delphi und bemächtigte sich des Orakels. Auch einen Altar gibt es genau an der Stelle, wo Apollon sich bekränzt und den Zweig abgebrochen hat. Und noch heute schicken die Delphier alle neun Jahre eine Gesandtschaft vornehmer Knaben, die von einem aus ihrer Mitte geleitet wird. Wenn die Knaben im Tempetal angekommen sind, bereiten sie ein großartiges Opfer. Dann flechten sie sich Kränze aus demselben Lorbeer, mit dem sich auch der Gott damals bekränzt hatte, und gehen wieder. Sie ziehen die sogenannte ‚Pythische Straße‘ entlang; sie führt durch Thessalien, die Pelasgiotis, das Oite-Gebirge, das Gebiet der Ainianen, der Malier, der Dorier und der hesperischen Lokrer. Die Bewohner dieser Gebiete geben den Knaben ehrfürchtig das Geleit und bringen ihnen nicht weniger Verehrung entgegen als jene Völker, die die Abgesandten der Hyperboreer ehren, wenn diese demselben Gott ihre Opfergaben überbringen. Auch bei den Pythischen Spielen überreicht man den Siegern Kränze aus diesem Lorbeer.
Soweit meine Darlegungen über das Tempetal in Thessalien."3
Der schlichte Holzschnitt führt die Thematik des Musizierens und des sportlichen Wettkampfs im Tempetal ein. Das Blatt lässt sich vom Hintergrund her aufrollen, vom Ägäischen Meer lesen, wo größere Segelschiffe kreuzen, während auf dem Fluss einige Ruderboote auszumachen sind. Schroffe Felsen und üppiger Bewuchs gliedern den Bildraum, der kein geografisches Wissen über das Tempetal erkennen lässt. Das muss insofern nicht verwundern, als die Entdeckung und Erforschung der Landschaft erst mit der Renaissance einsetzt. Die Dichtung mit ihrer ausgeprägten Topik hat hier die Hand des Künstlers geführt.
Abraham Ortelius hat eine Weltlandschaft des Tempetals in sein Buch aufgenommen. Der große, zweiseitige Kupferstich, auf das Jahr 1590 datiert, erweckt allein schon wegen seines Detailreichtums Lust an der Betrachtung. Die Darstellung der Felsen und des Gebirges steht stilistisch den Landschaftsgründen Joachim Patinirs nahe. Die unbeholfen wirkende Zeichnung des Peneus und seiner Seitenarme wird leider nicht durch die erzählerischen Momente der Graphik kompensiert, die sich im Wesentlichen der Beschreibung Aelians verdanken. Der mit Rollwerk gefassten Kartusche, unten rechts zu sehen, sind abweichend von der Textgrundlage des Bildes die Verse Ovids aus dem ersten Buch der „Metamorphosen“ (567-569) eingeschrieben. Sie lauten in der Übersetzung:
„Dort im haemonischen Lande befindet ein Hain sich, von steilen
Wäldern umschlossen; man nennt ihn Tempe. In schäumenden Wellen
Strömt der Peneus hindurch, am Fuße des Pindus entsprungen.“
Den Peneus schildert Ovid, insbesondere in den nachfolgenden Versen, kraft- und temperamentvoller als Aelian.
Tempe. Jacobus Gronovius, Thesaurus Graecarum antiquitatum, 12 Bände, Leiden 1697-1702, Bd. 4, 1699
Die Darstellung des Tempetals bei Gronovius, auf eine Steintafel geheftet, wird vom Flussgott Peneus überfangen. Neben ihm erscheint der Liebesgott Amor, der das Bildgeschehen offenbar aufmerksam verfolgt, während Apoll die gesamte Szenerie zur rechten Seite hin abschließt. Durch Fiedel, Lyra und Notenheft ist Apoll als Musagetes, als Musenführer, ausgewiesen. Die turtelnden Tauben zu seinen Füßen dürften auf die Liebe zur Nymphe Daphne anspielen, die ihn jedoch zurückwies, ihren Vater Peneus um Errettung vor seinen Nachstellungen anflehte und sich schließlich in einen Lorbeerbaum verwandelte. Ihre Geschichte erzählt Ovid im ersten Buch der „Metamorphosen“ (Verse 452 ff). Aus Lorbeer dürfte auch der Kranz auf Apollons Haupt geflochten sein, auch wenn die Zeichnung botanische Genauigkeit vermissen lässt. Denn nach dem gescheiterten Liebesabenteuer mit Daphne beanspruchte der Gott den Lorbeerbaum (Laurus nobilis) für sich und wünschte, dass fortan große Geister mit einem Lorbeerkranz ausgezeichnet werden, so beispielsweise der poeta laureatus, der lorbeergekrönte Dichter. Die Darstellung ist ganz und gar aus barockem Geist geschöpft und greift auf Formen und Motive der klassischen Landschaftsmalerei zurück, wie Nicolas Poussin und Claude Lorrain sie geschaffen haben.
Tempe. Jacobus Gronovius, Thesaurus Graecarum antiquitatum, 12 Bände, Leiden 1697-1702, Bd. 4, 1699
Rund einhundert Jahre nach der Entstehung des großen Tempestichs ließ Gronovius ihn für die Publikation des Thesaurus nachstechen. An der Gesamtanlage wurden keine Veränderungen vorgenommen, wohl aber im Detail. Die Sonne, die hinter dem linken Bergmassiv hervorlugt, hat einen flammenden Strahlenkranz erhalten. Das Bildpersonal ist zahlreicher dargestellt und geschickter verteilt. Der von den Brandopferaltären aufsteigende Rauch und die gekräuselte Oberfläche der See sind weniger schematisch aufgefasst als in der ersten Version des Stichs. Schließlich ist eine Schauwand mit flankierenden Hermen an die Stelle der Kartusche getreten, die abermals die oben zitierten Verse Ovids in lateinischer Sprache wiedergibt. Vor der mit Lorbeerblättern ornamentierten Schauwand haben sich Flussgötter und Najaden in abwechslungsreichen Posen niedergelassen. Dadurch erscheint das Blatt reicher, betörender, und das mythologische Personal dürfte den geschmacklichen Vorlieben um 1700 mehr entsprochen haben als das altertümlich anmutende manieristische Rollwerk.
The Vale of Tempe. Edward Francis Finden, Finden's Illustrations of the Life and Works of Lord Byron, 3 Bände, London 1833-1834, Bd. 2, 1833
Die Graphik setzt wiederum einen eigenen Akzent, indem die schluchtartige Öffnung des Tempetals der Komposition als Fluchtpunkt dient. Ein lautlos gleitendes Segelboot in der Ferne markiert die Größenverhältnisse. Prägnante Hell- und Dunkelwerte tragen maßgeblich zur Konstitution der Felsformationen bei, was in Verbindung mit den Rückschiebekulissen der seitlich angeordneten, dunkel gehaltenen Bäume um so deutlicher ins Auge fällt. Im Mittel- und Vordergrund sind Staffagefiguren dargestellt, deren Funktion jeweils darin besteht, die Anwesenheit des Menschen zu bezeugen. Ohne ihn ist Landschaft, historisch gesehen, nicht denkbar. In diesem Fall haben sich orientalisch gekleidete Männer, Repräsentanten der osmanischen Besatzungsmacht, eingefunden und ein Netz zum Fischen ausgeworfen, das sie jetzt einholen. Eine junge Frau mit ihren beiden Kindern wohnt dem Geschehen bei und verfolgt beiläufig das gemächliche Treiben. In dieser Graphik triumphiert die naturräumliche Darstellung über die dichterische Beredsamkeit, was mit der zunehmenden Bedeutung der geografischen Wissenschaft im 19. Jahrhundert einhergeht.
1) ↑ Ernst Robert Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, Tübingen, Basel 199311, S. 205; Ludwig Friedlaender, Sittengeschichte Roms. Ungekürzte Textausgabe nach den ersten drei Bänden der 10. Auflage, Leipzig 1922, Essen [1995], S. 383f.
2) ↑ Ulrich Müller, Sehnsuchtslandschaft Tempe, in: Reinhard Wegner (Hrsg.), Deutsche Baukunst um 1800, Köln 2000, S. 27-51.
3) ↑ Claudius Aelianus, Varia historia III.1 / Älian, Bunte Geschichten. Aus dem Griechischen in der Übersetzung und mit einem Nachwort und einem Register versehen von Hadwig Helms, Reclam-Bibliothek 1351, Leipzig 1990, S. 45-47.