Ulrich Müller
Édouard Manet, Im Wintergarten
Bei der Konzeption des Gemäldes „Im Wintergarten“ bezog sich Édouard Manet auf Michelangelos berühmtes Fresko „Die Erschaffung Adams“ in der Sixtinischen Kapelle. Das betörende, aufeinander bezogene Spiel der Hände verstand Manet seinen künstlerischen Plänen anzuverwandeln, denn ihm schwebte vor, ihnen in seinem Bild eine ähnlich prominente Rolle zuzuweisen. Während Michelangelos Gottvater Adam Lebensenergie spendet, ihm Kraft verleiht und auch eine Seele einhauchen dürfte, springt bei Madame und Monsieur Guillemet kein Funke über. Die Hände im Zentrum des Bildes von Manet können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie trotz der räumlichen Nähe und der deutlich sichtbaren Eheringe keine Konfiguration einer glücklichen Gemeinschaft bilden. Auch fragt man sich, ob die Zigarre in der linken Hand von Monsieur Guillemet in Anbetracht der Zusammenkunft im Wintergarten angemessen erscheinen kann, da sie den Kontakt nicht begünstigt, sondern verhindert. Manets Wahrheitsliebe berührt hier eine Schmerzgrenze, da er die emotionale Distanz des Ehepaares nicht verschleierte, das zu seinem Freundeskreis zählte. Offen bleiben muss, ob es dem Maler um den individuellen Fall der Guillemets ging oder ob er etwas Allgemeineres im Blick hatte, etwa die Frage nach Rang und Bedeutung der bürgerlichen Ehe. Hier allerdings endet die Aussagefähigkeit des Gemäldes.